Berlin, den 02. August 2010

Spiegel wie ich · Acryl auf Leinwand mit Spiegel · 210 x 110 cm


Berlin, den 20. Mai 2010

Kauz 2. Brief: aus Sizilien - 16.5.2010

Als ich mich umdrehte, folgte mir ein grauer Hund. Es war die Zweiäugige, welche sich mir vorsichtig näherte. Ich weiss nicht genau warum sie vor mir Angst hatte; vielleicht wegen meiner eigenen. Mir ist nicht ganz wohl, wenn ich sie so anschaue; es sind die Augen. Das Rechte ist Dunkelbraun und gleicht einem verträumten Braunbär der treu auf seinen Pranken ruht. Das Linke ist schneeweiss, nur schemenhaft kann man ein helles Blau erkennen - die Farbe der Treue; das erinnert mich an einen wirren Geist mit Mut zum Blut - und ich sehe auch einen Menschen in ihr. Beide Augen zusammen hinterlassen einen Eindruck der mehr bös als gut ist; das Kalte im Hellen obsiegt hier offenbar. Verstärkt wird dies durch ein leichtes schielen, welches eine klare Geisteshaltung schwer erkennen lasst; und ich habe den Eindruck, mich schaut Klaus Kinski an, der grübelt und sinnt: warum versteht mich allein - meine Mutter.
An diesem frühen Mittag, wird es die Hitze gewesen sein, die mich meinen natürlichen Bildern beraubte. Denn zu meinem Erstaunen, folgte mir die Hündin wie eine sanfte Flut, die mich irgendwann erreichen würde; was sie dann auch nach ein paar Tagen tat. Dann berührte mich Einauge liebevoll am Knie und ich streichelte ihre weichen Ohren mit den Worten: Klaus, mit dem braunen Auge können wir arbeiten.
Mein Schlafverhalten ist hier ganz unterschiedlich; von zwölf bis vier Stunden reicht die farbige Palette. Die Träume sind dementsprechend verschieden, sodass ich kein Muster für mein Tun erkennen kann, was ich dennoch mit Gleichmut hinnehme. Heute morgen bin ich gegen fünf Uhr wach geworden, die Zeit von Casus, der jeden Tag so sein Werk beginnt; was mir schwer in den Kopf will. Ich hatte Kopfschmerzen während die Sonne beginnt den Himmel zu erhellen. Womit sie sich lange müht - ein grauer Spatz mit einem lauen Ton, in Windeseile Andere ermuntert, ein Durcheinander lauthals zu schafften: mich allerdings auch! Und, obwohl die Fester und Türen geschlossen waren, erreichte ihre wirre Welle ungehindert mein Ohr, so wie eine Salve aus einer Schrotflinte - die ich jetzt gern hätte. Da an ein weiterschlafen nicht zu denken war, dachte ich ans aufstehen und verließ hellwach und traumtrunken zugleich mein Lager, um erst in das Bad und dann in die Küche zu gehen. Hierfür musste ich über eine schmale Hühnerleiter steigen, die von meinem Hochbett bis ins untere des Zimmers reichte. Bei dem Abstieg vielen mir schwarze Linien an der Wand auf, die sich kontrastreich von der weißen Oberfläche absonderten; sie sahen aus wie reglose Ozeanschiffe, wie man sie von Flugzeugen aus sieht. Ich war überrascht, denn am Abend zuvor hatte ich alle Wände vom Zierrat befreit, welche hier überall ins Auge fallen - schwarze Würmer mit hellen Füssen. Am Morgen bin ich empfindlich; so ist meine leichte Übelkeit die sich einstellte, nicht verwunderlich. Da sie nur kurz anhielt ging ich ins Bad, wo mir etwas kleines auf den Kopf viel. Als ich danach schwarze Ozeanschiffe an der Decke kleben sah, meldete sich mein Abendessen zurück: ich vomierte kurzerhand ins Becken. Heute weiss ich, dass mir wohl nichts auf den Kopf viel, als mein Unbehagen. Ich ging dann vom Bad an der Stubenwand entlang, durch die Eingangstür weiter am Terrassenbau vorbei, zweimal rechts und einmal links abgebogen, um dann gerade über die Steintreppe auf den kleinen Hof zu gelangen. Ich schaute wie gewöhnlich nach rechts durch die lange Fensterwand, sah Casus Klavier spielen und dachte - es ist halb sechs. Auf dem Hof war kein Hund zu sehen und links stand die Türe zur Küche offen.
Als ich dort hinüber ging, blieb ich im Türrahmen stehen, um den Raum mit meinen Augen aufmerksam zu durchleuchten. Es strich mir ein frischem Kaffeeduft um die Nase - vom Gasherd zog eine warme Latte herüber; es roch milchig. Die zwei Katzen waren nicht anwesend, vielleicht schliefen sie noch, geschafft vom nächtlichem Gejaule; gern hätte ich sie geweckt - denn ich war ja auch wach. Auf der linken Seite häuften sich benutze Teller, Tassen und allerlei Gewerk auf dem Waschtisch, die dreckig ihrer Erlösung harrten; ich fühlte mich nicht angesprochen. An der angrenzenden Eckwand, hing schief ein hölzerner Versuch von Borte, die dreckige Müllbehälter und grosse Plastiktonnen für Futter, tapfer ertrugen. In der Mitte des Raumes stand breitbeinig der grosse Tisch mit sechs Stühlen; ihr weisser Anstrich wich vor Jahren einer grauen Patina. In der hintersten Ecke hockte der kleine gusseiserne Ofen auf einem grauem Sockel aus Beton, der sich wellig durch die ganze Küche arbeitete und den Eindruck machte, als warte er nicht mehr auf den Maurer, der ihn dort vergass. Die gegenüberliegende Wand war mit verschiedenen Schränken bestellt, die sich so gegeneinander verhielten, als würden sie müde einander sein; sie standen schief. Die rechte Wand konnte ich nicht einsehen, denn diese verlief geradewegs von mir zu den schrägen Schränken und versperrte die Sicht. Nur das erste Regal stellte sich vor mir eisern hin; was blieb ihm auch anderes übrig. Die hölzerne Decke ist auf dieser Seite drei Meter hoch und auf der linken sechs; wo zwei rechteckige Fenster in luftiger Höhe schweben, die umringt von tiefen Mauern einem Bunker gleichen. Tief darunter sah ich einen rostigen Eisenring; mir viel ein, dass Casus von einem Rinderstall erzählte, der dieser Ort einst war. Gleich sah ich im dunklen Raum einen betagten Bauern, der neben seiner Kuh hockte, welche brav ihr Euter hingab indes der Alte rüstig an ihren Zitzen zog; entzückt ihren Schwanz hob, um dann freudig zu defäkieren. Ein voller Duft von Kuhdung durchrann meine Nase, sodass ich fasst nach einer Forke suchte, um Stroh über den cremigen Fladen zu streunen.
Doch ein frischer Windhauch drückte ein anderen Duft in meine Nüstern, welcher mich daran erinnerte, dass am Fusse des Hügels ein grosser Bauer mit seinen Kühen lebt. Dieser sendet eine Duftnote von Gülle in die Küche, welcher mich aus meinem Traum warf und meinen Magen daran erinnert, etwas zu essen. Da der Wind sonst oft von da her weht, wurde ich in den folgendenTagen dankbarer gegenüber dem Umstand, dass er dies weniger als gewöhnlich tat.
Durch meine Nase zurück ins jetzt versetzt, lasse ich nun die Gedanken lieber durch meine Augen füttern: der letzte Wechsel für heute Morgen. Sie suchten die Küchenstühle welche die beiden Katzen gewöhnlich trugen, die lauernd auf Gaben des Tisches warteten, welche Casus Genitiv derweil hinterliess. An diesem Morgen hatten sie vermutlich Glück, denn der Tisch sah aus wie ein zweites mal benutzt; jetzt weiss ich auch, warum es hier so leer und mir so wohl wird - trotz dem vollem Geruch. Denn keine Katze würde neben mir auf dem Stuhl sitzen, keine Hand sie aufhalten nicht auf den Tisch zu springen und Grossvater, der Rüde, würde nimmer mit den blanken Zähnen klappern, wenn ich ihn ansah. Die Küche ist benutzbar, dachte ich froh gestimmt und ging hinein um mir einen Kamillentee zu kochen. Und als ich dann noch die Türe schloss, wurde es anheimelnd, sodass der rüstige Bauer kam und wieder meine Seele mit Stille stillte.

Beim nächsten mal werde ich dir ein neues Bild schicken; doch diesmal auf der Leinwand.

Bis bald, Kauz.

Berlin, den 4. Mai 2010

Kauz 1. Brief: aus Sizilien - 1.5.2010

Ich bin in Catania angekommen, vor einer Woche, mit dem Flieger, der bei der Landung so ruppig aufsetzte, dass die Leute vor Schreck klatschten. Danach suchte ich eine Stunde die Busstation und sass dann eine lange Weile im Linienbus auf welligen Strassen bis zu einer weiteren, wo ich bereits erwartet wurde. Von da aus ging es ein paar Kilometer mit einem verbeulten Auto über Teerwege, die den Namen nicht verdienten. Als ich mein Ziel erreichte war es schon stock duster. Der Herr mit dem Personenwagen war übrigens Karl, ein Pianist aus München; der einzige Gast am Orte mit dem klangvollen Namen: Case Caro und der Rest heisst so ähnlich. Die Hausherrin war nicht da - denn in Deutschland - und besuchte ihre Heimat. Karl ist der von ihr eingesetzte Wächter, zuständig für mich; ein Bioarbeiter und Ökofreund der Hausherrin oder so etwas dazwischen. Ich nenne ihn für mich - Casus, weil er der erste Fall für mich ist. Und nach ein paar Tagen bekam er noch einen zweiten: Casus Genitiv - der Mann, dessen Fall er selbst ist; einfach nur so, mir zum Pläsier.

In den ersten Tagen schien keine Sonne, sondern es regnete zuhauf; bis gestern. Das fand Casus komisch, der schon länger hier kampierte und sich darüber mehrfach wunderte; übrigens ich auch, doch nur einmal. In der ersten Nacht fror ich wie in meiner Dienstzeit, im Zeltlager des Ostens, bei der Nationalen Volksarmee. Damals war ich um einiges jünger und mein Kanonenofen hatte noch genug Holz vor der Hütte. Da habe ich mich geärgert, meinen bewährten Räucherofen nicht mitgebracht zu haben, der mein einschlafen spielend übernommen hätte. Als ich am nächsten Morgen doch erwachte, war mir recht klamm um die Nase herum und an den Füssen war es nicht anderes. Ich wollte so nicht recht aufstehen, doch die Hoffnung auf eine warme Dusche stärkte meine Glieder. Was im Rückblick betrachtet zu optimistisch war, denn aus ihr rann nur laues Nass; welches meine Phantasie überforderte. Später erklärte mir Casus Genitiv, das wäre immer so, wenn die Sonne am Tag zuvor schwach wäre. Ich nickte daraufhin verständnisvoll und fragte ihn aufmerksam, wo die Hausherrin in dieser Zeit überwintere. Er fragte zurück, ob das eine rhetorische Frage sei. Eigentlich nicht, gab ich zur Antwort und ging in mein Haus zurück, dass höher lag als seines.
Das Anwesen ist an einem Hang gebaut; ein schräger Biohof, mit Verlaub, lebt zuvorderst von Nutzbäumen, was an ein Wunder grenzt, denn der Ausblick in die Ferne macht den Grossteil der Qualität dieses Ortes aus. Und die Oliven - und Mandelbäume stehen mehr als lichte da, sodass nicht nur der Blick, sondern auch ein kleiner Biogarten verschwenderisch viel Platz dazwischen findet. Irgendwelches Vieh ist hier nicht zu finden, doch zwei Hunde, gleichviel Katzen und eine Unmenge von Spatzen geben dem Gehöft die bäuerliche Note einer klingenden Kuhherde, die das Fehlen an Nutzbäumen, mehr als wett macht.
Der hanggeneigte Biohof ist klein und beherbergt im Laufe des Jahres Menschen die auf dem selbigen sinnvoll arbeiten für Kost und Logie oder auch einfach bezahlen, wie ich es vorziehe. Auch dieser Betrieb ist klein und genügsam, wie alles hier - ausser die musikalische Begleitung, welches in der Nacht durch die Hunde und am Tag von Spatzen intoniert wird. Die Katzen halten sich wohlfeil zurück, doch geben sie den Hunden Anlass genug, durch ihre schlichte Anwesenheit den nächtlichen Höhepunkt einzuläuten - der die ganze Nacht währt. Zuträglich für das ganze musizieren sind wohl ein paar zusätzliche Bäume, die vornehmlich um die Gebäude gesetzt wurden. Ich glaube es sind die Sorten Zypresse, Strobe, Robinie, Datteln und Kaktus, welcher wohl kein Baum ist. Den Efeu will ich nicht vergessen, denn der ist auch hier recht üppig und scheint der Spatzen Liebling zu sein.
Sämtliche Gewächse scheinen ein wenig knöchern und eigenwillig, wobei die beiden Hunde eine vierbeinige Asymmetrie bilden, die das Gesamtbild geheimnisvoll abrunden. So hat der Eine, eine Hündin, zwei Augen die völlig verschieden sind und der Andere, ein Rüde, Zähne, die er rhythmisch zum klappern bringt, wobei er die Lefzen hochzieht und einem dabei anschaut - wie ein Wolf der Rotkäppchens Großmutter sucht. Man weiss dann immer nicht ob er einen fressen oder sprechen will. Casus gab zum Besten, dass der Rüde eine Bioarbeiterin mit einer solchen verwechselte. Doch dufte er sie nur anknabbern, weil die Hausherrin etwas dagegen hatte; vielleicht war sie etwas zu mager. Ich nenne ihn seither Großvater. Von dieser Geschichte nachhaltig berührt, hielt ich von Beiden, auch von der Hündin mit den zwei Augen, Abstand; womit ich zunächst abschloss.
Bis mir eines Morgens ein Berglauf in den Sinn kam. Die Sonne stand zwar schon recht hoch, doch gab ich nichts darauf und bereitete mich für ein paar Kilometer vor. Als ich von meinem Oberhaus die Steintreppe hinab ging und am Ende auf dem Hofplatz stand, schauten mich vier haarige Augen an, als warteten sie schon auf mich. Ich blickte nach rechts durch die breite Fensterfront und sah Casus, wie er Klavier spielte, was er jeden Morgen tat, schaute nach links und sah die Tür zum Küchenhaus offen - und dachte, wie immer. Da der Morgen unauffällig war, verließ ich das Gehöft erst gerade über den Hof und bog dann rechts durch das Tor auf die langen Geraden in Richtung Teerstrasse; wo ab und an ein Autos vorbeiritt. Ich hoffte dass die Hunde auf dem Hof zurück blieben, was jene allerdings nicht taten. Sie eskortierten mich sofort, der Großvater rechts und die Hündin links, wobei diese ein wenig zurück blieb. Als ich Anstalten machte mich in den Lauf zu bewegen, wurde der Rüde unruhig und tänzelte vor mir her und fing an die Grossmutter zu suchen, wobei er wieder die Lefzen hoch zog und anfing mit seinem Gebiss zu klappern, während dessen er mich ansah. Mir wurde sofort klar, dass der Großvater wieder anfing etwas zu verwechseln und ging wieder in den Schritt über. Das hat ihn überzeugt mich wieder als einen Anderen zu sehen, als der ich für ihn vorher war. Komisch dachte ich, der Grossvater wechselt den Film so schnell, wie ein Dandy die Klamotten. Die Hündin zog sich derweil ein wenig zurück, was ich ihrer Meinung zuschrieb, diese Rollen nicht besonders zu mögen. Und ich rechnete mir meine Chanson aus, durch welchen Umstand mir doch noch die Freude eines Laufes zu Teil werden könnte. Wie so oft im meinem Leben nützte all die Rechnerei nichts, nur weiter machen und sehen was dann passiert. Als ich an die Strasse stiess, richtete sich mein Augenmerk zuerst nach links, dort ging es sanft bergab und dann nach rechts, bergauf, wohin ich mich bewegte. Und in der Tat, der Allmächtige hat mich erhört und der Grossvater ging keinen Schritt weiter; bellte noch verärgert enttäuscht, weil sein Hauptdarsteller nicht mehr mitspielte und - dann fing ich auch schon an zu laufen. Meine Füsse setzten sich leichtfüssig in Bewegung, währenddessen heisse Wellen von Sonnen auf mein graues Haar fielen und schneckenhaft, eine unsichtbare Kraft langsam doch Schritt um Schritt, mir mein Bewusstsein entzogen und durch ein pochendes Herz ersetzten. So spürte ich von Fuss zu Fuss, in tausend Metern Mühen eine Veränderung, eine letzte aufglühende Energie in mir hochsteigen. Ich fühlte mich so dermassen heiss, dass mir schlagartig klar wurde, wenn ich nicht unbedingt nach Stockholm wolle; darauf verzichten, die Steinkohle als Brennstoff zu ersetzten; bald halten, bergab laufen müsse. Als ich es tat, musste ich nicht ein mal mehr bremsen, denn meine Schritte waren schon so kurz - fasst schleppend - dass auch Grossvater in einem anderen Film wäre, die Grossmutter nicht vermisste.

Was dann passierte und warum das hier eine andere Scheibe ist, schreibe ich dir vielleicht in ein paar Tagen, wenn ich meine Bilder bis dahin sortieren konnte.

Grüssen von Kauz


Berlin, den 27. April 2010

Fragment zu - Cyan vom Engel · Acryl auf Leinwand · 120 x 240 cm



Berlin, den 27. März 2010

Insel der Weichen · Acryl · 80 x 240 cm


Wasser im Schönen · Acryl · 70 x 280 cm


Berlin, den 05. Februar 2010

Im Namen des Dino

Diesem frechen bunten Drachengeschöpf kann man kaum ansehen, dass jener ein Glücksbringer war; dort wo er einst geschaffen wurde. Viele Jahre seines hölzernen Lebens verbrachte dieses kleine Drachenglück, ungesehen, im Schatten seiner dunkelgrauen Hülle; ferne, von seiner Heimat - nahe, auf meinem Kleiderschrank. Und nun ist er, wie eine Kopfgeburt von Farben - aus meiner Hand betupft, wieder in die bunte Fülle des alten Lebens gedrückt; und, gebiert von neuem Glück aus Drachenschlünden: jedoch! rein dem Suchenden!
Denn in jedem Keimblatt einer leidenschaftlichen Seele steckt der Absender eines solchen kleinen Dinos - einem, der weiss, das er finden wird!

Ich verbleibe mit farbigen Güssen,

Felix


Berlin, den 10. Dezember 2009

Teil 5/ erster Abschnitt
Kauz Gedanken: Freund D. liest sein Märchen vor


Vom Anfang: bis D.

Das Märchen war schon da, bevor die Erde aus Feuer und Stein anfing zu werden, was sie wurde: ein endloser Film! - ... welches ein Wesen gedreht haben muss, das alles wusste und kein Drehbuch nötig hatte, welches endet; weil, er den einzigen Film ohne Ziel schuf: den keiner versteht und doch alle sehen wollen.

... am Anfang, noch Berge und Täler sich auftürmten; auch, sintflutartige Wasser kalt vom Himmel vielen: Meere und Seen stiegen, Füsse flossen; - bis warme Tropfen erstarrten zu kalten Sternchen; jeden grossen Stein und alle flachen Weiten, weiss und weich bedeckten: der erste Winter die Erde sah; noch ungeahnt und fern...

... zum hohen Gipfel zu streben; manche auch Flügel bekamen: in die Lüfte kühn sich hoben; die letzte Grenze zu erobern! - bis dann aus ihrer Mitte, - einem Wunder gleich; als könnten, Hände aus Äste und Füsse aus Wurzeln, werden; nach mehr rang: der erste Mensch wurde! - Laute in Worte legte, aufrecht zu gehen lernte, über große Wasser schwamm und grenzenlose Wälder durchmass, sah - und bald auch dachte, - dass diese Welt so grenzenlos stark sein muss: dass keiner sie jemals teilen könne! -doch, als ein neuer Mensch die Weltbühne betrat, es doch passieren sollte! - erst, von kleinen Zäunen durchzogen, beschwerlich: eingeschränkte; dann, zur festen Sperre anwuchs, die unfrei machte: ihn beschränkte; und am Ende des neuen Menschen die Welt zur mächtigen Mauer wucherte: die sogar töten musste, um zu beschützen.

D.‘ s Botschaft

Hinter einer solchen lebte D., oft unzufrieden, auch unglücklich; machte sich Gedanken über seinen Mut: zum Glück, wäre er nicht ein wenig ängstlich, was ihn oft mutlos machte. Doch etwas tat er für sein Seelenhaus immer: von innen mit Balken stützten und von aussen mit Farbe putzten! - was ihn durchaus strahlend machte. Bei dieser Gelegenheit fand er seine alte Schreibmaschine wieder, die ihn verstaubt daran erinnerte, dass er einmal schreiben wollte: - von einem kleinen Hühnervolk, welches vor vielen vielen Jahren lebte; Götter um ihre Hälse trugen, um frei zu werden. - Ja, dass wollte D. auch, erinnerte sich pflichtbewusst und fing sofort an, auf ihr zu tippen; - als seine Geschichte fertig geschrieben, war er stolz auf sein Märchen, denn er hatte den Anfang seines Glücks gefunden! - dachte an das ernste Kind was er einst war und an jene Kinder die D. mit seiner Botschaft Mut zum Glück machen wollte und rief aus: Kinder, wir sind zwar klein - von wuchs, aber unsere Vormünder - vom Hirn! - Bevor D. jedoch als kleiner Botschafter dass verkünden durfte, musste er eine staatliche Instanz von seiner guten Absicht überzeugen; was hinter einer Mauer erst dann zu einem Erfolg führen kann, wenn er mit dem Todesmut eines Revolutionärs geführt wird; und, dafür hatte er seinem Freund, welcher ein richtiger Künstler war: was D. als Vorteil sah, denn die sind trickreiche Kämpfer und aufrichtige Gesellen. Ehrlich würde Kauz dann sein, wenn er, um den Kunstwert seines Märchens willen, seine Meinung nötig hat. - Trotzdem, - auch wenn Kauz D. nichts vormachte, und der Instanz - alles! - bleibt er ein Wesen mit einer scharfen Zunge, die kauzig von der Seele ironischer Sprüche lebte.

K.‘ s Meinung

Kauz, der Märchen nur mochte, wenn sie wie eine sphärengleiche Melodie in seine Seele hinein flossen; was er sich bei D. nur schwerlich vorstellen konnte; stimmte der Vorlesung jedoch zu: da er einerseits gerade wenig vor hatte und andererseits einer kleinen Anregung gegenüber offen stand, die er aus dem Kunstwerk triebhafter Phantasien brauchte, um ein Werk sein Werden zu lassen.
Mit diesem Hauch von Lohn zufrieden, lädt Kauz D. zum dritten Advent ein, bittet ihn zum späten Abend hin zu kommen: nicht früher! da, er einiges zu tun hätte und sich erst auf den vorweihnachtlichen Abend einstimmen müsse: mit friedvollen Gedanken, vor seinem eisernen Kamin; - D., der den ganzen Tag schon wartete, unruhig erwartete, weil er einerseits um ein interessantes Treffen gierte und andererseits die Meinung seines Freundes nicht abwarten konnte, die für ihn wichtig, ja, entscheidend sein sollte! - D. trifft ein, - jedoch weit früher; welches Kauz so gar nicht gefiel: denn er mochte keine Pünktlichen vor der Zeit, was D. wusste, doch nicht ansprach! - geht an K. vorbei, zu seinem bevorzugten Platz: am Kamin; der mit ersten Scheiten bestückt, noch düster qualmt und seitlich lodert: tiefrot; schaut D. dort hinein: erst wichtig, dann bedeutungsschwer - strafft sich, bevor der Sessel seinen fülligen Körper aufnehmen darf; eine Miene sein Gesicht ziert, das sein heisses Verlangen, den Wunsch tief in seine Seele brennt, würdig für die Lesung zu sein! - Nah am Feuer nun, und mit Zeilen auf Blättern in der Hand, wartete er auf seinen Einsatz! - Kauz indessen, beobachtete D. aus einem tiefen Blick heraus, suchend, um unbemerkt der Haltungsmaniküre seines Freundes lustvoll bei zu wohnen; weiter schlenderte, vom stumpfen Treppenaufgang bis zum glatten Terrassenfenster, um sich beherzt nieder zu lassen. Dort sitzend, durchdrang er mit einem Blick, das wasserglatte Dunkel der Scheibe, wo sich blutrote Flammen verhalten spiegelten, die sich durch D.‘ s funkelnden Märchenstern lebendig entfacht - fühlen sollen: was Kauz erheiterte.

Ein Sturm durch Krallen

Es war einmal eine Zeit, da das Meiste von Hand Geschaffene noch nicht gab, und das ist nicht wenig. Aber es gab auch Dinge, von denen wir heute noch Kunde haben. Eines der größten Geschehnisse aus der Zeit ist die Entstehung der Hühnergötter.

K. Gedanken: Ich verstehe: - das Meiste von Vielen - ist nicht wenig! weil es viele Hühner gibt, die nicht wenig Eier legen und wenig Götter, die nicht viele Eier haben: Götterhühner werden müssen!

Nach Jahren harter Arbeit und ein bisschen Glück kann ich nun für euch den Schleier des Geheimnisses über die Entstehung der Hühnergötter ein wenig lüften. Meine Geschichte trägt uns in die Zeit vor vielen tausend Jahre und natürlich zu den Hühnern, die sich vom ersten Hühnerschrei bis zur untergehenden Sonne im Sand scharrend ihr Futter zusammen picken. Mühselig kann ich euch sagen, kann ich euch nur sagen und staubig ohne Ende. Ja, so ein Hühnerleben ist hart. Das meinte auch das Hühnervolk. Bei dieser Erkenntnis angekommen, begannen die Hühner, Fragen zu stellen: “Warum ist das so? Muss das immer so bleiben?

K. Gedanken: Ich ahnte nicht, dass Hühner einmal mehr erkennen konnten, als den Wurm, nach dem sie scharrten; aber, vielleicht gab es diese Wundergeschöpfe, vor vielen tausend Jahren, wirklich? und stellten sogar Fragen: die heute noch keiner beantworten kann; - dass muss das Huhn sehr angestrengt haben und der dauernde Stress zum Kollaps; was erklären könnte, warum Hühner später: gänzlich auf ihr Hirn verzichteten.

Diese bedeutendsten aller Fragen, einmal gestellt, liessen das Hühnervolk nicht mehr zur Ruhe kommen. Ein Gegacker erscholl darüber, dass die Eierdiebe schon das Paradies vor Augen hatten. Einem durchdringenden „Kikirikie“ gelang es, alles zu übertönen. Der Alptraum war‘ s, der da sprach: „So darf es nicht bleiben!“ „Aber warum denn?“ piepste ein vorwitziges Küken in die staunende Stille.

w K. Gedanken: Offenbar hatte ein Huhn, welches sehr klein war, ein grösseres Hirn, als die Erwachsenen: die blind gegenüber der Vorstellung sein mussten, das Denken ohne Sprache nicht nur umsonst ist: sondern dass Sprache ohne Denken auch gefährlich sein kann. Das allerdings - allein das schallende gackern; was sie ohnehin irgendwie immer tun; für das Huhn bedrohlich sein soll, weil den Dieben das Paradies von Eiern in die Augen schiesst, halte ich selbst für ein Märchen; da Räuber am Tage eher Träumen als Wachen, selbst dann! - wenn ein „Kikirikie“ sie wach rüttelte! - noch - der Hahn zum Huhn würde - und gackernd läge: - ein Ei!

„ Na, wei ..., wei ..., weil wir nicht länger als dumme Hühner beschimpft werden wollen!“ gackerte eine fette Henne aus dem Hofstaat des Althahns. Beiläufig gackerte das Volk. So ermutigt, Plapperte die Henne gleich munter weiter: „Wir brauchen Verbündete, starke Freunde. Darum schlage ich vor, dass wir uns mit den Steinen zusammentun. Sie sind die Stärksten auf der Erde, und mit ihren dicken, schweren Bäuchen fangen sie sie das Feinste vom Feinen. So wir die Steine nur recht hoch ehren, werden sie sich vielleicht von selbst wenden, um uns fetteste Leckerbissen zukommen zu lassen. - Wir müssten uns nicht mehr so abrackern und alle Tiere würden uns beneiden.“

K. Gedanken: Mein lieber D., dass Steine Freunde sein können, will mir noch in den Kopf; - stark statt schwer sind, weniger; doch dass ein Stein sich bewegt, fängt, für das Wohl des Huhnes sich plagt, obwohl er einfach nur faul auf dem Boden liegt, ja, liegen muss, um zum Erfolg zu kommen: klingt zwischen meinen Ohren so, als erzählst du Märchen mit Märchen. (Kinder haben doch immer noch ein Hirn: oder?)

„Wie aber wollt ihr denn die Steine ehren,“ piepste das vorwitzige Küken, „wir trampeln doch ständig auf ihnen herum und lassen mehr als einen Kringel täglich auf sie herabfallen?“ „Papperlapapp“ - gackerte die Althenne, „ um zu zeigen, dass wir es ehrlich meinen, wird jedes Huhn zu Ehren der Steine von heute an ein Steinchen um den Hals tragen.“

K. Gedanken: Tja, kleines Küken, der Unterschied zwischen der Althenne und dir wird sein, dass die Alte arbeiten muss und du nicht! - sie also, jeder Hoffnung Raum gibt: die ändern wird! - Dass sich das Huhn dabei auf die Steine verlassen will, denen sie vorher ihren stinkenden Kot verabreichten, macht ihre Hoffnung nicht unbedingt sinnloser, als vorher: aber verrückter allemal: welches stille Dankbarkeit, bei denen auslösen möge, die heller sind.

Nächstes:
Teil 5/ zweiter Abschnitt


Berlin, den 18. November 2009

Teil 4
Brief des Friedrich N.: An Künstler K.


Verehrter Herr Kauz,

ich habe ihre Gedanken über die Wahrheit; vor ein paar Tagen im WWW “der Künstler denkt“; gelesen und möchte mich hierin, ihr Einverständnis vorausnehmend: öffentlich äußern.

VORAUSGESETZT; dass die Wahrheit ein weibliches Wesen ist;
wird n i c h t der Verdacht offenbar, dass alle Künstler, sofern sie hartnäckig, ja, klug, mithin starrköpfig genug sind, sich auf Weiber verstehen? dass der schauerliche Ernst im Werben, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie auf die Wahrheit zuzugehen pflegen, unschickliche doch wirksame Mittel sind, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? und nicht nur hierin beschwörend zu brillieren wissen?

Sind sie nicht so ein Künstler! - der, wie sie schreiben: „ ... nur mit Häschen verkehrt, rein im Spiele, verhält sich menschlich somit reine...?“ - sanft ist, nicht verletzt, gar tötet?! Ihnen wird mit solch einer Lebensmaxime, märchenhaft betrachtet, Schneewittchen gar zur Braut geboten! denn sie lassen aufleben, spielen verständnisvoll, bringen nicht verderben mit bleierner Kugel, wie der Förster; - denn fein ist ihre reine Waffe zumal - lautlos und blutlos allemal; nicht minder wirksam, doch tausendfach münzfalscher, als die des Försters Wilderei: denn dieser bekennt sich offen, wird dadurch vogelfrei - - von mir gesprochen! Auch ist ihr Handeln nicht gleich zu setzten, Herr Künstler, mit der Schmeichelei ihrer „Verehrer“, die sie listig füttern, wie ihre Lust am herrschen: Ihr Wille zur Macht ist! - Oder sollte man gar bedauern, da Sie mutig auszogen die Wahrheit zu suchen, doch leider „nur“ ein Weib fanden, dass sie bewundert?

Ich will hierin nicht weiter mutmassen; worum es mir allein geht, ja, auch ihnen gehen sollte; sich selbst hierin zu prüfen:

Grund und Wirken ihres asketischen Ideals aufzudecken: zu entlarven!

Aus diesem Grund erhebe ich mein Wort zu Lasten ihres Gemütes; weil meine Botschaft auf zwei verschiedenen Bergen gespreizt, Jenseits von Gut und Böse: über den Grund meines Hasses und auf dem Grunde ihrer Geduld, gestellt sein wird. Kurz doch klar; das von mir Ausgerufene wird sie zuvorderst verwirren, dann enttäuschen und später erst - über die beiden Gipfel hinweg heben. Dann erst, wenn ich ihnen nachhaltig bedeuten kann: was ihre kunstvoll gemalte Welt, im inneren zusammenhält! Und, ich werde diesen filzigen Waldgrund bearbeiten, damit meiner, dort leuchtende Fliegenpilze ernten kann, gegen jene Spezies, die mein sonniges Gemüt vergiften!
Das asketische Ideal ... und ich zitiere hierzu aus einer einfachen Lehrschrift folgendes: „ Der Verzicht eines Menschen auf die sinnlichen Vergnügungen zugunsten der Erreichung eines höher oder innerlich tiefer liegenden Zieles, welches durch religiös oder weltanschaulich motivierte Einsamkeit, insbesondere den Verzicht auf Genüsse zu Gunsten höherer Ziele verwendet, ...“ - nenne ich kurz:
eine Schwindel-Geisterei höchsten Ranges. Ich werde ihnen beweisen, dass dieses ein Willen zur Macht: - das, asketische Ideal - ist! ... und, dies hauche ich ihnen fragend ins Gesicht - wenigen Künstlern nur bekannt sein soll? doch gleichzeitig; was für ein grandiose Tartüfferie; vielen Herren ihres Berufsstandes: doch, magisch heilig ist!

Werter Herr Kauz,

Gesetzt, dass alles, was der Mensch „erkennt“, seinen Wünschen nicht genugtut, ihnen vielmehr widerspricht und Schauder macht; die Schuld davon nicht im „Wünschen“, sondern im „Erkennen“ sucht: dort finden darf! ... öffnet sich beim Denkenden ein himmlisches Tor und gibt frei: die Erkenntnis.

Es gibt k e i n Erkennen: f o l g l i c h - - gibt es einen Gott!

Welch neuer eleganter logischer Schuss! welcher Triumph des asketischen Ideals! - -

Ihr vornehmer Anspruch, Spiegelbild für ihre eigenen Wünsche zu sein, geht damit dahin; sie lehnt alle Theologie ab; sie will nichts mehr „beweisen“; sie verschmäht es, den Richter zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack. - Sie bejaht so wenig, als sie verneint, sie stellt fest, sie „beschreibt“. Dies alles ist im hohen Grade asketisch; es ist aber zugleich im höheren Grade nihilistisch, darüber täusche man sich nicht hinweg! Bildlich gesprochen: man sieht einen traurigen, harten, aber entschlossenen Blick, - ein Auge, das hinausschaut, wie ein vereinsamter Nordpolfahrer hinausschaut, vielleicht um nicht hineinzuschauen.

Die letzten Krähen, die hier laut werden, heißen „Wozu“.

O welchen Durst erregen diese Süßen Geistreichen bei ihren Bewunderern. Nein! dies „beschauliche“ Volk mag sich der Teufel holen! -- Hundertfach schlimm sind diese „Beschaulichen“, von all dem was ich kenne: ich wüsste nichts, was so sehr Ekel machte, als solch ein „objektiver“ Lehnstuhl, solch ein duftender Genüssling vor der Geschichte, halb Pfaff, halb Satyr, der schon mit hoher Falschheit seines Beifalls verrät. Ich treten den morschen Lehnstuhl ein, die feige Beschaulichkeit, das lüsterne Eunuchentum, die Liebäugelei mit asketischen Idealelen und die Gerechtigkeits-Tartüfferie der Impotenz! Alle meine Ehrfurcht dem asketischen Ideale, s o f e r n   e s
e h r l i c h  i s t ! solange es an sich selber glaubt und uns keine Possen vormacht! Aber ich mag alle diese koketten Wanzen nicht, deren Ehrgeiz unersättlich darin ist, nach dem Unendlichen zu riechen, bis zuletzt das Unendliche nach Wanzen riecht; ich mag die übertünchten Gräber nicht, die das Leben schauspielern; ich mag die Müden und Vernutzten nicht, welche sich in Weisheit einwickeln und „objektiv“ blicken; ich mag die zu Helden aufgeputzten Agitatoren nicht, die eine Tarnkappe von Ideal um ihren Strohhut, auf dem Kopf tragen; ich mag die e h r g e i z i g e n Künstler nicht, die den Asketen und Priester bedeuten möchten und im Grunde nur tragische Hanswürste sind! ... das sind Hornvieh-Elemente von Menschen.
Ich möchte wissen, wieviel Schiffsladungen von Ideal-Götzen und nachgemachten Idealismus, von Helden-Kostümen und Klapperblech grosser Worte, wieviel Tonnen verzuckerter spirituosen Mitgefühls , wieviel Stelzbeine „edler Entrüstung“ zur Nachhilfe geistig Plattfüssiger, wieviel Komödianten des christlich-moralischen Ideals heute in Europa exponiert werden müssten, damit seine Luft wieder reinlich röche...

Was ich ergänzen möchte, sehr geehrter Herr Kauz, hingewiesen haben will: das asketische Ideal - hat in der geistigen Sphäre einstweilen nur noch Eine Art von wirklichen Feinden und Schädigern; das sind die Komödianten, die Lustspieler -
denn sie wecken Misstrauen.

Es muss schon eine „Zwangsläufigkeit“ ersten Ranges sein, welche diese
l e b e n s f e i n d l i c h e Spezies immer wieder wachsen und gedeihen macht, - es muss wohl ein I n t e r e s s e   d e s  L e b e n s selbst sein, dass ein solcher Typus des Selbstwiderspruchs nicht ausstirbt.

Am Ende frage ich: Welches Interesse hält sie nah am Leben? - -
der Wunsch? das Erkennen? oder ihre Grösse zu finden? --
vielleicht im V e r z i c h t e n mit Erfolg!
denn wenn der Künstler verzichtet; unfreiwillig, das N i c h t s akzeptieren muss; wird er klüger d a s W o l l e n, als gar nichts zu bekommen - und: in diesem Nichts haben - letztlich doch wieder besitzen - die Größe - zu seiner Macht!

Friedrich N.

M.-S., im 108. November

Teil 5 - Totensonntag Kauz Gedanken: Freund D. liest sein Märchen vor

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Teil 3
Wald und Kauz: Was sie denken


Der Künstler denkt:

Der Erfolg ist immer nur der größte Lügner - und meine „Werke“ selbst;
gemeint sind diese bösen Schlangen als Haar und glühenden Augen als Paar;
sind doch Erfolg! Ich, der Entdecker des Werkes, bin in seinen eigenen Schöpfungen verkleidet: bis ins Unsichtbare verklärt. Meine Werke haben den erfunden, welcher es geschaffen hat, ja: geschaffen haben soll.

Und, - dafür werde ich verehrt. Denn der Künstler ist nun mal so wie er ist, vielleicht sein muss -, unvollkommen und doch vollkommen:
Menschen des Augenblicks, begeistert, sinnlich, kindisch, im Misstrauen und Vertrauen leichtfertig und plötzlich: Das bin ich.
Mit einer zarten Seele, an der irgendein Bruch verhehlt werden soll; oft mit meinen Werken Rache nehmend für eine innere Besudelung; auch mit meinen Ausflügen Vergessenheit suchend, vor einem all zu treuen Gedächtnis. Im eigenen Schlamm vergessen, verirrt und anfangend mich doch zu schätzen, bis, die Irrlichter in meinem Sumpfe gleich werden den Sternen, zu den Selbigen ich werde: kraftvoll mich Liebe!: als werde mein Selbst heller als der dunkle Kauz der Ich eigentlich bin!

Und, das Volk nennt mich dann einen Idealisten -, das mich, durch dieses Urteil, im langen Ekel kämpfen lässt; mit einem wiederkehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt macht und mich zwingt nach Gloria zu schmachten; den „Glauben an sich“ aus den Händen berauschter Schmeichler zu fressen.

Der Förster denkt:

Der Erfolg ist immer das Größte - und mein „Waldwerk“ ist;
die schönste Göttin, meine nahe Diana, verzauberte Sehnsucht, ja willens bereit; mir immer Erfolg! Ich, der Ergebene bin in meiner Demut klein: bis ins Zielgenaue vergrößert. Denn mein Glaube hat diese Macht selbst gesehen, welcher auch immer: Sie - geschaffen hat.

Und dafür; mein Erfolg durch Glaube; werde ich nicht verehrt, sondern beneidet. Denn der Erfolgreiche, ich, ist nun mal so wie er ist, vielleicht sein muss -, genau wie die mich Beneidenden, vollkommen und vollkommen:
Menschen mit Geschichte und Zukunft, würdig, gefasst, männlich derb, im Misstrauen und Vertrauen vorsichtig doch beherzt. Das sind wir.
Mit einer starken Seele, an dem nicht irgendein Bruch zu sehen sein wird; oft mit meinen Taten Freude gebend durch äußere Tatkraft; mit meinen Erfolgen, Bewusstheit gebend für ein all zu vergessliches Publikum. Im fruchtbaren Schlamm diese erst beneiden, dann verirrt mich zu hassen, bis die Irrlichter im Sumpfe gleich werden den Sternen, zu den Selbigen sie werden: der Ich war, so als wären Sie fortan heller als der Keim, den Ich um meiner selbst willen, einst in sie pflanzte!

Und, die Anderen nennen mich wohl einen aufgeblasenen Angeber -, der mich dennoch, in diesem Urteile verwoben, in langen schönen Stunden schmeicheln lässt, mit einer allmächtigen Diana des Glaubens, die heiß macht und mich düngt, nach noch mehr Gloria zu schmachten und den „Glauben an mich“ aus den Händen neidischer Schmeichler immerfort lustvoll zu schöpfen.

Der Waldkauz denkt:

; während er in einem klugen Vogelbuche liest; einerseits sollte der Förster mal ein Bild malen und der Künstler eine Sau erschießen, doch anderseits reicht es für den geselligen Grünrock nicht aus eine ruhige Hand zu haben und für den fahrigen Künstler nicht, ein ganzes Jahr ohne Wein zu sein.
Daher liest der Waldkauz für Beide folgende Worte laut in die Dämmerung des sich verdunkelnden Geäst‘ s hinein:
„Die ähnlichen Menschen, die gewöhnlichen Menschen waren und sind immer im Vorteile, die Ausgesuchten, Feineren, Seltsameren, schwerer Verständlichen bleiben leicht allein, unterliegen bei ihrer Vereinzelung den Unfällen und pflanzen sich selten fort.“ - -
und denkt weiter, nichts als an sein Abendbrot.
Das hübsche Karnickel im Licht seines rechten Auges ist wohl genährt, und wenn; so denkt der Kauz; ich jetzt von meinem Aste abhebe, ist es allein mir beschert; doch halt; nur dann, wenn der Förster es nicht vorher bemerkt. Andererseits macht dies nicht Sinn, denn nur Einer sieht des Nachts, auch ohne Mond, ganz rein wie ich: der Kunstgestalter. - Dies, des Försters Mangel findet das neidisch Volk vollkommenen peinlich, doch dem Künstler, dem ist sowohl das Eine als das Andere bar egal. Denn er verkehrt mit Häschen rein im Spiele, verhält sich menschlich somit reine, - -
und ist dabei noch schnell wie eine Kugel, die des Försters Epaulette knapp verfehlt und vorbei an seine Neider, trifft genau die stärkste Sau: hinfort, aus dem grunzend Rudel!

Teil 4 - 3.11.2009

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Teil 2
Wald und Kauz: Was sie können


Und manchmal gibt es ein Wesen mehr, was Beide zurück lassen möchten. Dem Förster erscheint jenes im Morgennebel, als seine schönste Göttin, die ferne Diana, entschleiert als Fremde, dem Jagenden nun sündig, ja ihm willens bereit. Und wenn der Dunst dann gewichen, wird sie ihm wieder bekannt, doch nicht als Heilige im Bunde seiner Jagderfolge, sondern als Patronin, die im Bunde mit ihm in Ehe steht. Und der Maler? Der malt des Nachts auf schneeweissem Blatte in Wein mit Pinsel, eine Elfe nebst `ner Lilienstange in schönen glänzend Haar, und wenn der nächste Mittag dann gekommen, hat das Blatt sich verändert, wird aus Lichtgestalt ein grauer Perser, so der Seinige, reitend ängstlich auf `ner roten Schlange. Doch ist zu vermerken, beides den Beiden unterschiedlich häufig kommt vor: dem Förster wenn er machmal träumt und dem Maler, nun, dem einfach öfter.

Auch wenn der Eine weiß und der Andere ahnt, dass es Wesen nur im Märchen gibt, wissen sie aus fernen Kindertagen, wo der Wolf die Oma fraß, doch immer der Gute den Bösen mutig erschoss. Und nun wo Beide Erwachsen, macht jeder sich sein eigenes Bild und formt mutig seine Märchenwelt. Der Förster, der die Furcht als Bub einst gebunden, recht schnell in jungen Jahren überwunden und sieht geheimnisvolles, gar Wesen, nur selten, und denkt: sie sind´s gewesen. Und wenn schon dann! - im Jägermeister, vermutlich auch im modernen Weibe und auch im Traum, so weiß er, in manchen frühen Nebelschwaden. Der Maler hingegen hat die Furcht aus Kindertagen noch nicht überwunden, sieht geheimnisvolle Wesen, angstvoll in der Nacht, gar über seinem Kerzenscheine runden. Und er hört aus fernen Kindertagen nicht Oma, Wolf und Jäger nett, sondern drei Verwandte, Sthele, Eurale und Medusa im Terzett. Mit bösen Schlangen als Haar und glühenden Augen als Paar, die zu Verwandeln in Stein bestimmt. Diese drei Grazien sind furchteinflößend in der Nacht und haben ihr schreckliches Werk auch schon mal am Tage vollbracht. Wenn der Künstler nun morgens im letztem Traume ahnt; mit Vogelaugen ruhend sanft im Mittagswalde noch; - dann, er öffnet sie zögernd und sieht derart Gespenster, zuckt er fast schon erschrocken, doch als wäre nichts gewesen, fällt er zurück in Schlummer; weg ist der Kummer; und faustet weise nun: Wesen seit‘s gewesen! Der Förster und sein Dackel hingegen, sitzen schon lange ganz verwegen, auf einem schalen Brett, welches hart und hoch in einem Baume steckt und: - zart knarrt im Morgenwinde.

Auch wenn der Förster, sonst bei der Jagd ganz perfekt; ins Bett zurück auch sinken kann; Vorsorge er hat getroffen: weil sein Ziel steht nicht im warmen Bette nahe, sondern weit entfernt im frischen Walde. Daher liegt nicht ferne und steht in seiner Nähe, am Hirne ein großer Wecker und zu Fuße ein kleiner Hund: so ein Dackel. Und wenn dann die frühe Stunde gekommen, lärmt die Glocke, erschrickt sich der Hund: doch nur recht klein, denn er ist schon fast wach, weil er wartet schon die volle Nacht. Ein Augenlicht war immer offen! - er weiß es geht zur wilden Jagd und ist gar gern um seinen sanften Hundetraum gebracht. Und nun ist sein erster Einsatz durchaus, der Kleine wagt den höchsten Ton, denn er weiß der Wecker reicht manchmal nicht aus! Doch lässt es den Förster nicht sonderlich schrecken, er weiß bescheid und sagt bestimmt doch nett: brav mein Hund, ich steige aus meinem Bett! Der Maler zu selben Orte am gleichen Morgen, wäre; wer sich ein vollkommenes Kunstwerk malen möchte; erschrocken! - würde plötzlich stehend salutieren, oder, was eher zu denken gibt, den dösend Perser zur Linken ergreifen, und; - so will man nicht hoffen -; um nach dem eifrigen Dackel zu schmeißen. Doch der lag seid Stunden schon unter dem Bett, denn er ahnte schlimmes kommen und machte aus der Not ne Tugend: kaut seid Stunden schon auf des Malers Tuben.

Teil 3 - nach dem Vollmond

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Teil 1
Wald und Kauz: Was sie brauchen

Wenn der Förster auf die Jagd geht wird er zielorientiert und der Maler an der Leinwand in sich gekehrt. Sie haben Gemeinsam, was sie bei ihrer Arbeit nicht brauchen und nicht Gemeinsam, was sie dafür benötigen. Beide nehmen drei Dinge mit sich und weisen eben so viele von sich. Auf jeden Fall versuchen sie das was sie nicht wollen, unter Verschluss zu nehmen: weil es besser für sie ist. Der Förster in seinem dicken Panzerschrank zwischen den langen Waffen und der Maler in seiner leeren Weinflasche zwischen den matten Geistern.

Auch wenn Beide zur gleichen Sonne wandern, wandeln sie doch auf verschiedenen Rappen zu ihr. Denn der Eine, und zwar der Förster steht mit den Vögeln auf, trinkt einen Waldtee und nimmt diese drei Dinge mit auf die Pirsch. Sein Fernglas, eine Doppelflinte und seinen Hund: oft ein Dackel. Und der Andre, der Maler steht auf wenn die Vögel ihren Mittagsschlaf halten, trinkt seinen Espresso und denkt über die drei Dingen nach. Seine Brille, seinen Pinsel und seinen Perser: oft eine Katze.

Auch wenn beide Menschen unterschiedlich ihr Tagewerk beginnen, verbindet sie doch ein gemeinsames Ziel, nämlich erfolgreich zu sein. Der Eine denkt an ein Reh; das lockt; welches er essen, und der Andere an ein Bambi; der glänzt; den er erhalten will. Und wie schon gesagt, lassen Förster und Maler Dinge zurück, die eigentlich anders heißen. Es sind drei geheimnisvolle Wesen, die von ihren sechs Augen vierfach vernommen und zweifach gesehen werden. Der Eine durch ein Fernglas und der Andere durch eine Lupe.

Teil 2 - Am Sonnabend

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Es gibt keine Kunst ohne Zwänge.
Musik kann zur Kunst werden
weil sie Regeln unterliegt.

Reiner Zufall kommt totaler Freiheit gleich.
Die Konstruktion ist ihr Gegenteil.
Eine Revolte gegen den Zufall.

Eine Kunst die Regeln unterliegt
ist gut für den Empfangenden.

Eine Kunst die Zufälle aufzeigt
ist gut für den Sendenden.

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Der Kunst geht es nicht um
Schönheit, sie benutzt sie nur, ebenso die Hässlichkeit.

Wie in der Religion, Philosophie oder anderen Bereichen des
menschliche Strebens, geht es um das Mittel -
Wissen; und den Zweck - Wahrheit.

So sollte Kunst die verzaubert, gemäßigt schön
und unanständig hässlich sein,
denn Erstes macht uns zufrieden und Letztes neugierig.

Eine Sehnsucht stellt sich ein,
sie drückt Besitz und Wunsch zugleich aus.
Gleiches in Hingabe, Nichts mit Allem; kurz -

Gloria Ambrosia.

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Der forschende Naturwissenschaftler zeichnet ein unpersönliches Bild der Welt, das ganz absichtlich ohne gedachten Sinn bleibt und uns über den Ursprung und Ablauf des Lebens aufklärt, ohne auf die Freude und Sorgen des Menschen einzugehen.

Im Gegensatz dazu verkörpert der schöpfende Künstler eine Antithese, nämlich die ungebundene Verherrlichung der menschlichen Subjektivität, die uns von der Tierwelt trennt. Und dies sich selbst bestimmende Ich-Bewusstsein, dass den Menschen von den gefühllosen Wirbeln der Allteilchen trennt, ist zweifelsohne einzigartig.

So wird die Kunst des Künstlers zum Ausdruck des Begehrens, das fühllose Nichts, über das Sichtbare hinaus, ein schöpferisches Ganzes entgegenzusetzen.
© 2009 felix-art.com