Spiegel wie ich · Acryl auf Leinwand mit Spiegel · 210 x 110 cm
Berlin, den 20. Mai 2010
Kauz 2. Brief: aus Sizilien - 16.5.2010
Als ich mich umdrehte, folgte mir ein grauer Hund. Es war die Zweiäugige, welche sich mir vorsichtig näherte. Ich weiss nicht genau warum sie vor mir Angst hatte; vielleicht wegen meiner eigenen. Mir ist nicht ganz wohl, wenn ich sie so anschaue; es sind die Augen. Das Rechte ist Dunkelbraun und gleicht einem verträumten Braunbär der treu auf seinen Pranken ruht. Das Linke ist schneeweiss, nur schemenhaft kann man ein helles Blau erkennen - die Farbe der Treue; das erinnert mich an einen wirren Geist mit Mut zum Blut - und ich sehe auch einen Menschen in ihr. Beide Augen zusammen hinterlassen einen Eindruck der mehr bös als gut ist; das Kalte im Hellen obsiegt hier offenbar. Verstärkt wird dies durch ein leichtes schielen, welches eine klare Geisteshaltung schwer erkennen lasst; und ich habe den Eindruck, mich schaut Klaus Kinski an, der grübelt und sinnt: warum versteht mich allein - meine Mutter.
An diesem frühen Mittag, wird es die Hitze gewesen sein, die mich meinen natürlichen Bildern beraubte. Denn zu meinem Erstaunen, folgte mir die Hündin wie eine sanfte Flut, die mich irgendwann erreichen würde; was sie dann auch nach ein paar Tagen tat. Dann berührte mich Einauge liebevoll am Knie und ich streichelte ihre weichen Ohren mit den Worten: Klaus, mit dem braunen Auge können wir arbeiten.
Mein Schlafverhalten ist hier ganz unterschiedlich; von zwölf bis vier Stunden reicht die farbige Palette. Die Träume sind dementsprechend verschieden, sodass ich kein Muster für mein Tun erkennen kann, was ich dennoch mit Gleichmut hinnehme. Heute morgen bin ich gegen fünf Uhr wach geworden, die Zeit von Casus, der jeden Tag so sein Werk beginnt; was mir schwer in den Kopf will. Ich hatte Kopfschmerzen während die Sonne beginnt den Himmel zu erhellen. Womit sie sich lange müht - ein grauer Spatz mit einem lauen Ton, in Windeseile Andere ermuntert, ein Durcheinander lauthals zu schafften: mich allerdings auch! Und, obwohl die Fester und Türen geschlossen waren, erreichte ihre wirre Welle ungehindert mein Ohr, so wie eine Salve aus einer Schrotflinte - die ich jetzt gern hätte. Da an ein weiterschlafen nicht zu denken war, dachte ich ans aufstehen und verließ hellwach und traumtrunken zugleich mein Lager, um erst in das Bad und dann in die Küche zu gehen. Hierfür musste ich über eine schmale Hühnerleiter steigen, die von meinem Hochbett bis ins untere des Zimmers reichte. Bei dem Abstieg vielen mir schwarze Linien an der Wand auf, die sich kontrastreich von der weißen Oberfläche absonderten; sie sahen aus wie reglose Ozeanschiffe, wie man sie von Flugzeugen aus sieht. Ich war überrascht, denn am Abend zuvor hatte ich alle Wände vom Zierrat befreit, welche hier überall ins Auge fallen - schwarze Würmer mit hellen Füssen. Am Morgen bin ich empfindlich; so ist meine leichte Übelkeit die sich einstellte, nicht verwunderlich. Da sie nur kurz anhielt ging ich ins Bad, wo mir etwas kleines auf den Kopf viel. Als ich danach schwarze Ozeanschiffe an der Decke kleben sah, meldete sich mein Abendessen zurück: ich vomierte kurzerhand ins Becken. Heute weiss ich, dass mir wohl nichts auf den Kopf viel, als mein Unbehagen. Ich ging dann vom Bad an der Stubenwand entlang, durch die Eingangstür weiter am Terrassenbau vorbei, zweimal rechts und einmal links abgebogen, um dann gerade über die Steintreppe auf den kleinen Hof zu gelangen. Ich schaute wie gewöhnlich nach rechts durch die lange Fensterwand, sah Casus Klavier spielen und dachte - es ist halb sechs. Auf dem Hof war kein Hund zu sehen und links stand die Türe zur Küche offen.
Als ich dort hinüber ging, blieb ich im Türrahmen stehen, um den Raum mit meinen Augen aufmerksam zu durchleuchten. Es strich mir ein frischem Kaffeeduft um die Nase - vom Gasherd zog eine warme Latte herüber; es roch milchig. Die zwei Katzen waren nicht anwesend, vielleicht schliefen sie noch, geschafft vom nächtlichem Gejaule; gern hätte ich sie geweckt - denn ich war ja auch wach. Auf der linken Seite häuften sich benutze Teller, Tassen und allerlei Gewerk auf dem Waschtisch, die dreckig ihrer Erlösung harrten; ich fühlte mich nicht angesprochen. An der angrenzenden Eckwand, hing schief ein hölzerner Versuch von Borte, die dreckige Müllbehälter und grosse Plastiktonnen für Futter, tapfer ertrugen. In der Mitte des Raumes stand breitbeinig der grosse Tisch mit sechs Stühlen; ihr weisser Anstrich wich vor Jahren einer grauen Patina. In der hintersten Ecke hockte der kleine gusseiserne Ofen auf einem grauem Sockel aus Beton, der sich wellig durch die ganze Küche arbeitete und den Eindruck machte, als warte er nicht mehr auf den Maurer, der ihn dort vergass. Die gegenüberliegende Wand war mit verschiedenen Schränken bestellt, die sich so gegeneinander verhielten, als würden sie müde einander sein; sie standen schief. Die rechte Wand konnte ich nicht einsehen, denn diese verlief geradewegs von mir zu den schrägen Schränken und versperrte die Sicht. Nur das erste Regal stellte sich vor mir eisern hin; was blieb ihm auch anderes übrig. Die hölzerne Decke ist auf dieser Seite drei Meter hoch und auf der linken sechs; wo zwei rechteckige Fenster in luftiger Höhe schweben, die umringt von tiefen Mauern einem Bunker gleichen. Tief darunter sah ich einen rostigen Eisenring; mir viel ein, dass Casus von einem Rinderstall erzählte, der dieser Ort einst war. Gleich sah ich im dunklen Raum einen betagten Bauern, der neben seiner Kuh hockte, welche brav ihr Euter hingab indes der Alte rüstig an ihren Zitzen zog; entzückt ihren Schwanz hob, um dann freudig zu defäkieren. Ein voller Duft von Kuhdung durchrann meine Nase, sodass ich fasst nach einer Forke suchte, um Stroh über den cremigen Fladen zu streunen.
Doch ein frischer Windhauch drückte ein anderen Duft in meine Nüstern, welcher mich daran erinnerte, dass am Fusse des Hügels ein grosser Bauer mit seinen Kühen lebt. Dieser sendet eine Duftnote von Gülle in die Küche, welcher mich aus meinem Traum warf und meinen Magen daran erinnert, etwas zu essen. Da der Wind sonst oft von da her weht, wurde ich in den folgendenTagen dankbarer gegenüber dem Umstand, dass er dies weniger als gewöhnlich tat.
Durch meine Nase zurück ins jetzt versetzt, lasse ich nun die Gedanken lieber durch meine Augen füttern: der letzte Wechsel für heute Morgen. Sie suchten die Küchenstühle welche die beiden Katzen gewöhnlich trugen, die lauernd auf Gaben des Tisches warteten, welche Casus Genitiv derweil hinterliess. An diesem Morgen hatten sie vermutlich Glück, denn der Tisch sah aus wie ein zweites mal benutzt; jetzt weiss ich auch, warum es hier so leer und mir so wohl wird - trotz dem vollem Geruch. Denn keine Katze würde neben mir auf dem Stuhl sitzen, keine Hand sie aufhalten nicht auf den Tisch zu springen und Grossvater, der Rüde, würde nimmer mit den blanken Zähnen klappern, wenn ich ihn ansah. Die Küche ist benutzbar, dachte ich froh gestimmt und ging hinein um mir einen Kamillentee zu kochen. Und als ich dann noch die Türe schloss, wurde es anheimelnd, sodass der rüstige Bauer kam und wieder meine Seele mit Stille stillte.
Beim nächsten mal werde ich dir ein neues Bild schicken; doch diesmal auf der Leinwand.
Bis bald, Kauz.
Berlin, den 4. Mai 2010
Kauz 1. Brief: aus Sizilien - 1.5.2010
Ich bin in Catania angekommen, vor einer Woche, mit dem Flieger, der bei der Landung so ruppig aufsetzte, dass die Leute vor Schreck klatschten. Danach suchte ich eine Stunde die Busstation und sass dann eine lange Weile im Linienbus auf welligen Strassen bis zu einer weiteren, wo ich bereits erwartet wurde. Von da aus ging es ein paar Kilometer mit einem verbeulten Auto über Teerwege, die den Namen nicht verdienten. Als ich mein Ziel erreichte war es schon stock duster. Der Herr mit dem Personenwagen war übrigens Karl, ein Pianist aus München; der einzige Gast am Orte mit dem klangvollen Namen: Case Caro und der Rest heisst so ähnlich. Die Hausherrin war nicht da - denn in Deutschland - und besuchte ihre Heimat. Karl ist der von ihr eingesetzte Wächter, zuständig für mich; ein Bioarbeiter und Ökofreund der Hausherrin oder so etwas dazwischen. Ich nenne ihn für mich - Casus, weil er der erste Fall für mich ist. Und nach ein paar Tagen bekam er noch einen zweiten: Casus Genitiv - der Mann, dessen Fall er selbst ist; einfach nur so, mir zum Pläsier.
In den ersten Tagen schien keine Sonne, sondern es regnete zuhauf; bis gestern. Das fand Casus komisch, der schon länger hier kampierte und sich darüber mehrfach wunderte; übrigens ich auch, doch nur einmal. In der ersten Nacht fror ich wie in meiner Dienstzeit, im Zeltlager des Ostens, bei der Nationalen Volksarmee. Damals war ich um einiges jünger und mein Kanonenofen hatte noch genug Holz vor der Hütte. Da habe ich mich geärgert, meinen bewährten Räucherofen nicht mitgebracht zu haben, der mein einschlafen spielend übernommen hätte. Als ich am nächsten Morgen doch erwachte, war mir recht klamm um die Nase herum und an den Füssen war es nicht anderes. Ich wollte so nicht recht aufstehen, doch die Hoffnung auf eine warme Dusche stärkte meine Glieder. Was im Rückblick betrachtet zu optimistisch war, denn aus ihr rann nur laues Nass; welches meine Phantasie überforderte. Später erklärte mir Casus Genitiv, das wäre immer so, wenn die Sonne am Tag zuvor schwach wäre. Ich nickte daraufhin verständnisvoll und fragte ihn aufmerksam, wo die Hausherrin in dieser Zeit überwintere. Er fragte zurück, ob das eine rhetorische Frage sei. Eigentlich nicht, gab ich zur Antwort und ging in mein Haus zurück, dass höher lag als seines.
Das Anwesen ist an einem Hang gebaut; ein schräger Biohof, mit Verlaub, lebt zuvorderst von Nutzbäumen, was an ein Wunder grenzt, denn der Ausblick in die Ferne macht den Grossteil der Qualität dieses Ortes aus. Und die Oliven - und Mandelbäume stehen mehr als lichte da, sodass nicht nur der Blick, sondern auch ein kleiner Biogarten verschwenderisch viel Platz dazwischen findet. Irgendwelches Vieh ist hier nicht zu finden, doch zwei Hunde, gleichviel Katzen und eine Unmenge von Spatzen geben dem Gehöft die bäuerliche Note einer klingenden Kuhherde, die das Fehlen an Nutzbäumen, mehr als wett macht.
Der hanggeneigte Biohof ist klein und beherbergt im Laufe des Jahres Menschen die auf dem selbigen sinnvoll arbeiten für Kost und Logie oder auch einfach bezahlen, wie ich es vorziehe. Auch dieser Betrieb ist klein und genügsam, wie alles hier - ausser die musikalische Begleitung, welches in der Nacht durch die Hunde und am Tag von Spatzen intoniert wird. Die Katzen halten sich wohlfeil zurück, doch geben sie den Hunden Anlass genug, durch ihre schlichte Anwesenheit den nächtlichen Höhepunkt einzuläuten - der die ganze Nacht währt. Zuträglich für das ganze musizieren sind wohl ein paar zusätzliche Bäume, die vornehmlich um die Gebäude gesetzt wurden. Ich glaube es sind die Sorten Zypresse, Strobe, Robinie, Datteln und Kaktus, welcher wohl kein Baum ist. Den Efeu will ich nicht vergessen, denn der ist auch hier recht üppig und scheint der Spatzen Liebling zu sein.
Sämtliche Gewächse scheinen ein wenig knöchern und eigenwillig, wobei die beiden Hunde eine vierbeinige Asymmetrie bilden, die das Gesamtbild geheimnisvoll abrunden. So hat der Eine, eine Hündin, zwei Augen die völlig verschieden sind und der Andere, ein Rüde, Zähne, die er rhythmisch zum klappern bringt, wobei er die Lefzen hochzieht und einem dabei anschaut - wie ein Wolf der Rotkäppchens Großmutter sucht. Man weiss dann immer nicht ob er einen fressen oder sprechen will. Casus gab zum Besten, dass der Rüde eine Bioarbeiterin mit einer solchen verwechselte. Doch dufte er sie nur anknabbern, weil die Hausherrin etwas dagegen hatte; vielleicht war sie etwas zu mager. Ich nenne ihn seither Großvater. Von dieser Geschichte nachhaltig berührt, hielt ich von Beiden, auch von der Hündin mit den zwei Augen, Abstand; womit ich zunächst abschloss.
Bis mir eines Morgens ein Berglauf in den Sinn kam. Die Sonne stand zwar schon recht hoch, doch gab ich nichts darauf und bereitete mich für ein paar Kilometer vor. Als ich von meinem Oberhaus die Steintreppe hinab ging und am Ende auf dem Hofplatz stand, schauten mich vier haarige Augen an, als warteten sie schon auf mich. Ich blickte nach rechts durch die breite Fensterfront und sah Casus, wie er Klavier spielte, was er jeden Morgen tat, schaute nach links und sah die Tür zum Küchenhaus offen - und dachte, wie immer. Da der Morgen unauffällig war, verließ ich das Gehöft erst gerade über den Hof und bog dann rechts durch das Tor auf die langen Geraden in Richtung Teerstrasse; wo ab und an ein Autos vorbeiritt. Ich hoffte dass die Hunde auf dem Hof zurück blieben, was jene allerdings nicht taten. Sie eskortierten mich sofort, der Großvater rechts und die Hündin links, wobei diese ein wenig zurück blieb. Als ich Anstalten machte mich in den Lauf zu bewegen, wurde der Rüde unruhig und tänzelte vor mir her und fing an die Grossmutter zu suchen, wobei er wieder die Lefzen hoch zog und anfing mit seinem Gebiss zu klappern, während dessen er mich ansah. Mir wurde sofort klar, dass der Großvater wieder anfing etwas zu verwechseln und ging wieder in den Schritt über. Das hat ihn überzeugt mich wieder als einen Anderen zu sehen, als der ich für ihn vorher war. Komisch dachte ich, der Grossvater wechselt den Film so schnell, wie ein Dandy die Klamotten. Die Hündin zog sich derweil ein wenig zurück, was ich ihrer Meinung zuschrieb, diese Rollen nicht besonders zu mögen. Und ich rechnete mir meine Chanson aus, durch welchen Umstand mir doch noch die Freude eines Laufes zu Teil werden könnte. Wie so oft im meinem Leben nützte all die Rechnerei nichts, nur weiter machen und sehen was dann passiert. Als ich an die Strasse stiess, richtete sich mein Augenmerk zuerst nach links, dort ging es sanft bergab und dann nach rechts, bergauf, wohin ich mich bewegte. Und in der Tat, der Allmächtige hat mich erhört und der Grossvater ging keinen Schritt weiter; bellte noch verärgert enttäuscht, weil sein Hauptdarsteller nicht mehr mitspielte und - dann fing ich auch schon an zu laufen. Meine Füsse setzten sich leichtfüssig in Bewegung, währenddessen heisse Wellen von Sonnen auf mein graues Haar fielen und schneckenhaft, eine unsichtbare Kraft langsam doch Schritt um Schritt, mir mein Bewusstsein entzogen und durch ein pochendes Herz ersetzten. So spürte ich von Fuss zu Fuss, in tausend Metern Mühen eine Veränderung, eine letzte aufglühende Energie in mir hochsteigen. Ich fühlte mich so dermassen heiss, dass mir schlagartig klar wurde, wenn ich nicht unbedingt nach Stockholm wolle; darauf verzichten, die Steinkohle als Brennstoff zu ersetzten; bald halten, bergab laufen müsse. Als ich es tat, musste ich nicht ein mal mehr bremsen, denn meine Schritte waren schon so kurz - fasst schleppend - dass auch Grossvater in einem anderen Film wäre, die Grossmutter nicht vermisste.
Was dann passierte und warum das hier eine andere Scheibe ist, schreibe ich dir vielleicht in ein paar Tagen, wenn ich meine Bilder bis dahin sortieren konnte.
Grüssen von Kauz
Berlin, den 20. Mai 2010
Kauz 2. Brief: aus Sizilien - 16.5.2010
Als ich mich umdrehte, folgte mir ein grauer Hund. Es war die Zweiäugige, welche sich mir vorsichtig näherte. Ich weiss nicht genau warum sie vor mir Angst hatte; vielleicht wegen meiner eigenen. Mir ist nicht ganz wohl, wenn ich sie so anschaue; es sind die Augen. Das Rechte ist Dunkelbraun und gleicht einem verträumten Braunbär der treu auf seinen Pranken ruht. Das Linke ist schneeweiss, nur schemenhaft kann man ein helles Blau erkennen - die Farbe der Treue; das erinnert mich an einen wirren Geist mit Mut zum Blut - und ich sehe auch einen Menschen in ihr. Beide Augen zusammen hinterlassen einen Eindruck der mehr bös als gut ist; das Kalte im Hellen obsiegt hier offenbar. Verstärkt wird dies durch ein leichtes schielen, welches eine klare Geisteshaltung schwer erkennen lasst; und ich habe den Eindruck, mich schaut Klaus Kinski an, der grübelt und sinnt: warum versteht mich allein - meine Mutter.
An diesem frühen Mittag, wird es die Hitze gewesen sein, die mich meinen natürlichen Bildern beraubte. Denn zu meinem Erstaunen, folgte mir die Hündin wie eine sanfte Flut, die mich irgendwann erreichen würde; was sie dann auch nach ein paar Tagen tat. Dann berührte mich Einauge liebevoll am Knie und ich streichelte ihre weichen Ohren mit den Worten: Klaus, mit dem braunen Auge können wir arbeiten.
Mein Schlafverhalten ist hier ganz unterschiedlich; von zwölf bis vier Stunden reicht die farbige Palette. Die Träume sind dementsprechend verschieden, sodass ich kein Muster für mein Tun erkennen kann, was ich dennoch mit Gleichmut hinnehme. Heute morgen bin ich gegen fünf Uhr wach geworden, die Zeit von Casus, der jeden Tag so sein Werk beginnt; was mir schwer in den Kopf will. Ich hatte Kopfschmerzen während die Sonne beginnt den Himmel zu erhellen. Womit sie sich lange müht - ein grauer Spatz mit einem lauen Ton, in Windeseile Andere ermuntert, ein Durcheinander lauthals zu schafften: mich allerdings auch! Und, obwohl die Fester und Türen geschlossen waren, erreichte ihre wirre Welle ungehindert mein Ohr, so wie eine Salve aus einer Schrotflinte - die ich jetzt gern hätte. Da an ein weiterschlafen nicht zu denken war, dachte ich ans aufstehen und verließ hellwach und traumtrunken zugleich mein Lager, um erst in das Bad und dann in die Küche zu gehen. Hierfür musste ich über eine schmale Hühnerleiter steigen, die von meinem Hochbett bis ins untere des Zimmers reichte. Bei dem Abstieg vielen mir schwarze Linien an der Wand auf, die sich kontrastreich von der weißen Oberfläche absonderten; sie sahen aus wie reglose Ozeanschiffe, wie man sie von Flugzeugen aus sieht. Ich war überrascht, denn am Abend zuvor hatte ich alle Wände vom Zierrat befreit, welche hier überall ins Auge fallen - schwarze Würmer mit hellen Füssen. Am Morgen bin ich empfindlich; so ist meine leichte Übelkeit die sich einstellte, nicht verwunderlich. Da sie nur kurz anhielt ging ich ins Bad, wo mir etwas kleines auf den Kopf viel. Als ich danach schwarze Ozeanschiffe an der Decke kleben sah, meldete sich mein Abendessen zurück: ich vomierte kurzerhand ins Becken. Heute weiss ich, dass mir wohl nichts auf den Kopf viel, als mein Unbehagen. Ich ging dann vom Bad an der Stubenwand entlang, durch die Eingangstür weiter am Terrassenbau vorbei, zweimal rechts und einmal links abgebogen, um dann gerade über die Steintreppe auf den kleinen Hof zu gelangen. Ich schaute wie gewöhnlich nach rechts durch die lange Fensterwand, sah Casus Klavier spielen und dachte - es ist halb sechs. Auf dem Hof war kein Hund zu sehen und links stand die Türe zur Küche offen.
Als ich dort hinüber ging, blieb ich im Türrahmen stehen, um den Raum mit meinen Augen aufmerksam zu durchleuchten. Es strich mir ein frischem Kaffeeduft um die Nase - vom Gasherd zog eine warme Latte herüber; es roch milchig. Die zwei Katzen waren nicht anwesend, vielleicht schliefen sie noch, geschafft vom nächtlichem Gejaule; gern hätte ich sie geweckt - denn ich war ja auch wach. Auf der linken Seite häuften sich benutze Teller, Tassen und allerlei Gewerk auf dem Waschtisch, die dreckig ihrer Erlösung harrten; ich fühlte mich nicht angesprochen. An der angrenzenden Eckwand, hing schief ein hölzerner Versuch von Borte, die dreckige Müllbehälter und grosse Plastiktonnen für Futter, tapfer ertrugen. In der Mitte des Raumes stand breitbeinig der grosse Tisch mit sechs Stühlen; ihr weisser Anstrich wich vor Jahren einer grauen Patina. In der hintersten Ecke hockte der kleine gusseiserne Ofen auf einem grauem Sockel aus Beton, der sich wellig durch die ganze Küche arbeitete und den Eindruck machte, als warte er nicht mehr auf den Maurer, der ihn dort vergass. Die gegenüberliegende Wand war mit verschiedenen Schränken bestellt, die sich so gegeneinander verhielten, als würden sie müde einander sein; sie standen schief. Die rechte Wand konnte ich nicht einsehen, denn diese verlief geradewegs von mir zu den schrägen Schränken und versperrte die Sicht. Nur das erste Regal stellte sich vor mir eisern hin; was blieb ihm auch anderes übrig. Die hölzerne Decke ist auf dieser Seite drei Meter hoch und auf der linken sechs; wo zwei rechteckige Fenster in luftiger Höhe schweben, die umringt von tiefen Mauern einem Bunker gleichen. Tief darunter sah ich einen rostigen Eisenring; mir viel ein, dass Casus von einem Rinderstall erzählte, der dieser Ort einst war. Gleich sah ich im dunklen Raum einen betagten Bauern, der neben seiner Kuh hockte, welche brav ihr Euter hingab indes der Alte rüstig an ihren Zitzen zog; entzückt ihren Schwanz hob, um dann freudig zu defäkieren. Ein voller Duft von Kuhdung durchrann meine Nase, sodass ich fasst nach einer Forke suchte, um Stroh über den cremigen Fladen zu streunen.
Doch ein frischer Windhauch drückte ein anderen Duft in meine Nüstern, welcher mich daran erinnerte, dass am Fusse des Hügels ein grosser Bauer mit seinen Kühen lebt. Dieser sendet eine Duftnote von Gülle in die Küche, welcher mich aus meinem Traum warf und meinen Magen daran erinnert, etwas zu essen. Da der Wind sonst oft von da her weht, wurde ich in den folgendenTagen dankbarer gegenüber dem Umstand, dass er dies weniger als gewöhnlich tat.
Durch meine Nase zurück ins jetzt versetzt, lasse ich nun die Gedanken lieber durch meine Augen füttern: der letzte Wechsel für heute Morgen. Sie suchten die Küchenstühle welche die beiden Katzen gewöhnlich trugen, die lauernd auf Gaben des Tisches warteten, welche Casus Genitiv derweil hinterliess. An diesem Morgen hatten sie vermutlich Glück, denn der Tisch sah aus wie ein zweites mal benutzt; jetzt weiss ich auch, warum es hier so leer und mir so wohl wird - trotz dem vollem Geruch. Denn keine Katze würde neben mir auf dem Stuhl sitzen, keine Hand sie aufhalten nicht auf den Tisch zu springen und Grossvater, der Rüde, würde nimmer mit den blanken Zähnen klappern, wenn ich ihn ansah. Die Küche ist benutzbar, dachte ich froh gestimmt und ging hinein um mir einen Kamillentee zu kochen. Und als ich dann noch die Türe schloss, wurde es anheimelnd, sodass der rüstige Bauer kam und wieder meine Seele mit Stille stillte.
Beim nächsten mal werde ich dir ein neues Bild schicken; doch diesmal auf der Leinwand.
Bis bald, Kauz.
Berlin, den 4. Mai 2010
Kauz 1. Brief: aus Sizilien - 1.5.2010
Ich bin in Catania angekommen, vor einer Woche, mit dem Flieger, der bei der Landung so ruppig aufsetzte, dass die Leute vor Schreck klatschten. Danach suchte ich eine Stunde die Busstation und sass dann eine lange Weile im Linienbus auf welligen Strassen bis zu einer weiteren, wo ich bereits erwartet wurde. Von da aus ging es ein paar Kilometer mit einem verbeulten Auto über Teerwege, die den Namen nicht verdienten. Als ich mein Ziel erreichte war es schon stock duster. Der Herr mit dem Personenwagen war übrigens Karl, ein Pianist aus München; der einzige Gast am Orte mit dem klangvollen Namen: Case Caro und der Rest heisst so ähnlich. Die Hausherrin war nicht da - denn in Deutschland - und besuchte ihre Heimat. Karl ist der von ihr eingesetzte Wächter, zuständig für mich; ein Bioarbeiter und Ökofreund der Hausherrin oder so etwas dazwischen. Ich nenne ihn für mich - Casus, weil er der erste Fall für mich ist. Und nach ein paar Tagen bekam er noch einen zweiten: Casus Genitiv - der Mann, dessen Fall er selbst ist; einfach nur so, mir zum Pläsier.
In den ersten Tagen schien keine Sonne, sondern es regnete zuhauf; bis gestern. Das fand Casus komisch, der schon länger hier kampierte und sich darüber mehrfach wunderte; übrigens ich auch, doch nur einmal. In der ersten Nacht fror ich wie in meiner Dienstzeit, im Zeltlager des Ostens, bei der Nationalen Volksarmee. Damals war ich um einiges jünger und mein Kanonenofen hatte noch genug Holz vor der Hütte. Da habe ich mich geärgert, meinen bewährten Räucherofen nicht mitgebracht zu haben, der mein einschlafen spielend übernommen hätte. Als ich am nächsten Morgen doch erwachte, war mir recht klamm um die Nase herum und an den Füssen war es nicht anderes. Ich wollte so nicht recht aufstehen, doch die Hoffnung auf eine warme Dusche stärkte meine Glieder. Was im Rückblick betrachtet zu optimistisch war, denn aus ihr rann nur laues Nass; welches meine Phantasie überforderte. Später erklärte mir Casus Genitiv, das wäre immer so, wenn die Sonne am Tag zuvor schwach wäre. Ich nickte daraufhin verständnisvoll und fragte ihn aufmerksam, wo die Hausherrin in dieser Zeit überwintere. Er fragte zurück, ob das eine rhetorische Frage sei. Eigentlich nicht, gab ich zur Antwort und ging in mein Haus zurück, dass höher lag als seines.
Das Anwesen ist an einem Hang gebaut; ein schräger Biohof, mit Verlaub, lebt zuvorderst von Nutzbäumen, was an ein Wunder grenzt, denn der Ausblick in die Ferne macht den Grossteil der Qualität dieses Ortes aus. Und die Oliven - und Mandelbäume stehen mehr als lichte da, sodass nicht nur der Blick, sondern auch ein kleiner Biogarten verschwenderisch viel Platz dazwischen findet. Irgendwelches Vieh ist hier nicht zu finden, doch zwei Hunde, gleichviel Katzen und eine Unmenge von Spatzen geben dem Gehöft die bäuerliche Note einer klingenden Kuhherde, die das Fehlen an Nutzbäumen, mehr als wett macht.
Der hanggeneigte Biohof ist klein und beherbergt im Laufe des Jahres Menschen die auf dem selbigen sinnvoll arbeiten für Kost und Logie oder auch einfach bezahlen, wie ich es vorziehe. Auch dieser Betrieb ist klein und genügsam, wie alles hier - ausser die musikalische Begleitung, welches in der Nacht durch die Hunde und am Tag von Spatzen intoniert wird. Die Katzen halten sich wohlfeil zurück, doch geben sie den Hunden Anlass genug, durch ihre schlichte Anwesenheit den nächtlichen Höhepunkt einzuläuten - der die ganze Nacht währt. Zuträglich für das ganze musizieren sind wohl ein paar zusätzliche Bäume, die vornehmlich um die Gebäude gesetzt wurden. Ich glaube es sind die Sorten Zypresse, Strobe, Robinie, Datteln und Kaktus, welcher wohl kein Baum ist. Den Efeu will ich nicht vergessen, denn der ist auch hier recht üppig und scheint der Spatzen Liebling zu sein.
Sämtliche Gewächse scheinen ein wenig knöchern und eigenwillig, wobei die beiden Hunde eine vierbeinige Asymmetrie bilden, die das Gesamtbild geheimnisvoll abrunden. So hat der Eine, eine Hündin, zwei Augen die völlig verschieden sind und der Andere, ein Rüde, Zähne, die er rhythmisch zum klappern bringt, wobei er die Lefzen hochzieht und einem dabei anschaut - wie ein Wolf der Rotkäppchens Großmutter sucht. Man weiss dann immer nicht ob er einen fressen oder sprechen will. Casus gab zum Besten, dass der Rüde eine Bioarbeiterin mit einer solchen verwechselte. Doch dufte er sie nur anknabbern, weil die Hausherrin etwas dagegen hatte; vielleicht war sie etwas zu mager. Ich nenne ihn seither Großvater. Von dieser Geschichte nachhaltig berührt, hielt ich von Beiden, auch von der Hündin mit den zwei Augen, Abstand; womit ich zunächst abschloss.
Bis mir eines Morgens ein Berglauf in den Sinn kam. Die Sonne stand zwar schon recht hoch, doch gab ich nichts darauf und bereitete mich für ein paar Kilometer vor. Als ich von meinem Oberhaus die Steintreppe hinab ging und am Ende auf dem Hofplatz stand, schauten mich vier haarige Augen an, als warteten sie schon auf mich. Ich blickte nach rechts durch die breite Fensterfront und sah Casus, wie er Klavier spielte, was er jeden Morgen tat, schaute nach links und sah die Tür zum Küchenhaus offen - und dachte, wie immer. Da der Morgen unauffällig war, verließ ich das Gehöft erst gerade über den Hof und bog dann rechts durch das Tor auf die langen Geraden in Richtung Teerstrasse; wo ab und an ein Autos vorbeiritt. Ich hoffte dass die Hunde auf dem Hof zurück blieben, was jene allerdings nicht taten. Sie eskortierten mich sofort, der Großvater rechts und die Hündin links, wobei diese ein wenig zurück blieb. Als ich Anstalten machte mich in den Lauf zu bewegen, wurde der Rüde unruhig und tänzelte vor mir her und fing an die Grossmutter zu suchen, wobei er wieder die Lefzen hoch zog und anfing mit seinem Gebiss zu klappern, während dessen er mich ansah. Mir wurde sofort klar, dass der Großvater wieder anfing etwas zu verwechseln und ging wieder in den Schritt über. Das hat ihn überzeugt mich wieder als einen Anderen zu sehen, als der ich für ihn vorher war. Komisch dachte ich, der Grossvater wechselt den Film so schnell, wie ein Dandy die Klamotten. Die Hündin zog sich derweil ein wenig zurück, was ich ihrer Meinung zuschrieb, diese Rollen nicht besonders zu mögen. Und ich rechnete mir meine Chanson aus, durch welchen Umstand mir doch noch die Freude eines Laufes zu Teil werden könnte. Wie so oft im meinem Leben nützte all die Rechnerei nichts, nur weiter machen und sehen was dann passiert. Als ich an die Strasse stiess, richtete sich mein Augenmerk zuerst nach links, dort ging es sanft bergab und dann nach rechts, bergauf, wohin ich mich bewegte. Und in der Tat, der Allmächtige hat mich erhört und der Grossvater ging keinen Schritt weiter; bellte noch verärgert enttäuscht, weil sein Hauptdarsteller nicht mehr mitspielte und - dann fing ich auch schon an zu laufen. Meine Füsse setzten sich leichtfüssig in Bewegung, währenddessen heisse Wellen von Sonnen auf mein graues Haar fielen und schneckenhaft, eine unsichtbare Kraft langsam doch Schritt um Schritt, mir mein Bewusstsein entzogen und durch ein pochendes Herz ersetzten. So spürte ich von Fuss zu Fuss, in tausend Metern Mühen eine Veränderung, eine letzte aufglühende Energie in mir hochsteigen. Ich fühlte mich so dermassen heiss, dass mir schlagartig klar wurde, wenn ich nicht unbedingt nach Stockholm wolle; darauf verzichten, die Steinkohle als Brennstoff zu ersetzten; bald halten, bergab laufen müsse. Als ich es tat, musste ich nicht ein mal mehr bremsen, denn meine Schritte waren schon so kurz - fasst schleppend - dass auch Grossvater in einem anderen Film wäre, die Grossmutter nicht vermisste.
Was dann passierte und warum das hier eine andere Scheibe ist, schreibe ich dir vielleicht in ein paar Tagen, wenn ich meine Bilder bis dahin sortieren konnte.
Grüssen von Kauz







